Giles Dickson
2020 – Stillstand mit Wirkung: Was der deutsche Fadenriss für Europa bedeutete
2020 und 2021 kam der Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland nahezu vollständig zum Erliegen – mit weitreichenden Folgen für Wertschöpfung, Vertrauen und Beschäftigung. Giles Dickson, CEO von WindEurope, beschreibt, wie dieser Fadenriss aus Brüsseler Perspektive wahrgenommen wurde, welche Risiken eine solche Entwicklung für ganz Europa birgt – und warum nun Kontinuität, Koordination und ein industrielles Umdenken gefragt sind.
Herr Dickson, der Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland kam 2020 fast zum Stillstand, 2021 komplett. Wie haben Sie diese Phase erlebt und wie wurde das in Brüssel wahrgenommen?
„Deutschland ist der wichtigste Windenergiemarkt und der zweitgrößte Offshore-Windenergiemarkt in Europa. Viele Hersteller und Zulieferer haben hier ihren Sitz. Diese Unternehmen liefern ihre Produkte nach Europa und in die ganze Welt. Sie sind daher diversifiziert. Dennoch steht und fällt ihr Erfolg mit dem starken deutschen Heimatmarkt. Der Fadenriss bei der Offshore-Windenergie in 2020 und 2021, der ja von einem zeitgleich schwachen Zubau im deutschen Onshore-Wind Sektor begleitet wurde, hat in Deutschland zu großen Verwerfungen geführt. Tausende Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Die Auswirkungen waren und sind europaweit zu spüren.“
Welche Auswirkungen hatte diese Phase aus Ihrer Sicht auf die europäische Offshore-Wertschöpfungskette?
„Die EU will den Offshore-Wind-Ausbau deutlich beschleunigen – dafür braucht es mehr Fabriken, Schiffe, Häfen und Fachkräfte. Der deutsche Fadenriss hat die europäische Wertschöpfungskette ausgebremst. Umso ermutigender ist es, dass viele deutsche Unternehmen durchgehalten haben und nun optimistisch auf steigende Ausschreibungen und die Zubauspitzen in 2029-2031 blicken. Investitionen wie von der Meyer Werft, Smulders oder Steelwind sind nur einige aktuelle Beispiele.“
Was braucht es, damit europäische Mitgliedsstaaten gemeinsam eine stabile industrielle Basis für Offshore-Wind aufbauen können – und wie wichtig ist dabei Kontinuität?
„Kontinuität und klar definierte CfD-Pipelines sind essenziell für Investitionen. Offshore-Projekte haben lange Vorläufe – unsichere Volumen und politische Zick-Zack-Kurse sind Gift für Planung und Industrie. Es ist deshalb richtig, dass die Bundesregierung von Negativgeboten auf Differenzverträge umstellen will. CfDs sind europäischer Standard und schaffen Verlässlichkeit – auch für die Zulieferindustrie. Die Unsicherheit bei Realisierung und Auftragslage hat Investitionen in neue Kapazitäten blockiert. Wichtig ist nun auch eine bessere europäische Koordination – bei Fertigung, Installation und Netzplanung. Gut, dass die neue Bundesregierung das Projekt grenzüberschreitende Offshore-Projekte aktiv weiterverfolgt. Die EU sollte hier auch wieder verstärkt mit dem Vereinigten Königreich zusammenarbeiten.“
Was 2020 noch wichtig war:
- Europa hat im Jahr 2020 2,9 GW Offshore-Kapazität hinzugefügt. Das entspricht 356 neuen Offshore-Windkraftanlagen, die in neun Windparks ans Netz gingen.
- Damit verfügt Europa nun über eine installierte Offshore-Windkapazität von insgesamt 25 GW. Das entspricht 5.402 netzgekoppelten Windkraftanlagen in 12 Ländern.
- In Deutschland werden im Jahr 2020 312 MW neu an das Netz angeschlossen: 200 MW Trianel Windpark Borkum II, 112 MW Albatros.
- WindSeeG-Novelle: Das Windenergie-auf-See-Gesetz 2020 tritt in Kraft und erhöht das Ausbauziel für 2030 von 15 auf 20 GW. Darüber hinaus führt es ein Ziel von 40 GW bis 2040 ein.