Mit dem Projekt Borkum Riffgrund 3 geht Ørsted 2019 neue Wege: Erstmals wird ein Offshore-Windpark in Deutschland über langfristige Stromabnahmeverträge mit Industriekunden finanziert. Jörg Kubitza erklärt, warum dieser Schritt entscheidend war – und welche Lehren die Branche heute aus der PPA-Pionierphase ziehen kann. 

Herr Kubitza, Ørsted hat 2019 das erste großvolumige PPA für Offshore-Wind in Deutschland abgeschlossen. Wie kam es dazu?      

Zwei Jahre zuvor hat Ørsted erstmalig den Bau eines Offshore-Windparks ohne staatliche Förderung gewagt. Für die Gegenfinanzierung des Projekts Borkum Riffgrund 3 hatten wir uns – als Erste in der Offshore-Wind-Branche – für langfristige Stromabnahmeverträge mit Industrieunternehmen entschieden. Das Interesse auf Abnehmerseite war groß. Mit Covestro konnten wir gleich ein Unternehmen gewinnen, das zu diesem Zeitpunkt das größte Corporate PPA aus Windenergie mit uns abschloss. Nacheinander kamen BASF, die REWE Group sowie Amazon und Google dazu. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Finanzierung war aber auch der anteilige Verkauf des Windparks an unseren Investor Nuveen Infrastructure – bereits viele Jahre vor Betriebsstart. Zum ersten Mal hatten wir damit Anteile an einem Projekt noch vor der finalen Investitionsentscheidung an einen institutionellen Investor veräußert und so die Finanzierung zusätzlich abgesichert. 

EnBW-Windpark Hohe See im Bau © EnBW
Heute sprechen viele über grünen Strom für die Industrie – Sie haben ihn früh konkret gemacht. Wie fühlt es sich an, einen Teil dieser Entwicklung mit angestoßen zu haben?

Wir hatten zur richtigen Zeit das richtige Angebot – und Partner aus der Industrie, die gezielt Strom aus Offshore-Wind wollten. Das war ein Statement für die Leistungsfähigkeit von Offshore-Wind. Covestro und unsere anderen PPA-Partner sind – stellvertretend für die deutsche Industrie – ein elementarer Teil der Dekarbonisierung in Deutschland. Diese Entwicklung spielt eine Schlüsselrolle für das Ziel, bis 2045 Klimaneutralität in Deutschland zu erzielen. 

Installation der ersten Windenergieanlage im Windpark Hohe See © EnBW
Wenn Sie auf die letzten fünf Jahre zurückblicken: Hat sich das PPA-Modell bewährt – und was braucht es, damit es künftig einen verlässlichen Offshore-Wind-Ausbau gibt?     

Der Bedarf an Grünstrom bleibt hoch – PPAs sind weiterhin ein sehr geeignetes Mittel und begünstigen die Realisierung von Projekten. Doch angesichts der heutigen Kostensituation bedarf es grundsätzlich anderer Anreize für die Umsetzung. Länder wie Deutschland, die bei ihrer künftigen Energieversorgung auf Offshore-Windenergie setzen, sollten sicherstellen, dass diese auch wirklich realisiert wird. Dafür sollten Kosten und Nutzen zwischen Windparkentwickler und dem Staat gerechter verteilt werden. Die in der letzten Legislaturperiode eingeführten Konzessionszahlungen sind volkswirtschaftlich ineffizient und verteuern den Strom. Differenzkontrakte, sogenannte CfDs, wie in Großbritannien, senken die Stromgestehungskosten erheblich und minimieren die Risiken. 

Transition Pieces für den Offshore-Windpark Deutsche Bucht © Northland
Was 2019 außerdem wichtig war: 
  • In Europa wurden 10 Offshore-Windparks mit insgesamt 3,6 GW installiert. Die Gesamtkapazität stieg damit auf 22,1 GW  
  • 1162 MW gingen in Deutschland neu am Netz: 497 MW Hohe See, 269 MW Deutsche Bucht, 396 MW Merkur Offshore  
  • Das Netzausbau-Beschleunigungsgesetz tritt in Kraft: Die Bundesnetzagentur erhält mehr Befugnisse 
  • Der Windenergieanlagen-Hersteller Senvion meldet Insolvenz an 
Borkum Riffgrund 3 im Bau © Ørsted