Mein Job in der Offshore-Windenergie
FOLGE 4 – Nikolai Christmann, Johanniter Offshore Rescue
Name
Nikolai Christmann
Unternehmen
Johanniter Offshore Rescue, einem Fachbereich des Ortsverbandes Stedingen der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
Jobtitel
Notfallsanitäter / Projektleitung & leitender Ausbilder SRHT (Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen)
Seit wann in der Branche
seit 2017
Standort
Firmenstandort ist Berne, von dort aus geht es über Häfen oder Flugplätze auf Schiffe oder Plattformen
Das Interview
1. Wer bist du – und wo arbeitest du?
Ich bin Nikolai Christmann und arbeite seit 2017 als Notfallsanitäter bei der Johanniter Offshore Rescue. Meine Einsatzorte sind hauptsächlich Serviceschiffe, sogenannte Service Operation Vessel (SOV), in der Nordsee, von denen aus wir die medizinische Versorgung in den Offshore-Windparks sicherstellen. Zusätzlich verantworte ich die Projektleitung und die Ausbildung „Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen“ (SRHT). So kann ich meine Erfahrungen aus dem Offshore-Alltag direkt in die Aus– und Weiterbildung unserer Einsatzkräfte einbringen.
2. Wie hat es dich in die Offshore-Windbranche verschlagen – und warum bist du geblieben?
Zur Offshore-Rettung bin ich eher durch Zufall gekommen. Ein ehemaliger Kollege hat mich auf die Stelle aufmerksam gemacht und meinte, dass dieser Bereich gut zu mir passen könnte. Rückblickend hatte er absolut recht.
Was mich von Anfang an begeistert hat, war die große Eigenverantwortung. Offshore arbeitet man unter besonderen Bedingungen und muss in kritischen Situationen Entscheidungen treffen, ohne dass sofort Unterstützung verfügbar ist. Genau diese Verantwortung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben mich gereizt und mich fachlich wie persönlich wachsen lassen.
Gleichzeitig hatte ich bei den Johannitern die Möglichkeit, mich im Bereich SRHT weiterzuentwickeln und zusätzliche Verantwortung zu übernehmen. Diese Kombination aus anspruchsvollen Einsätzen und persönlicher Weiterentwicklung ist bis heute der Grund, warum ich so gerne in der Offshore Rettung arbeite.
3. Wie sieht ein typischer 14/14-Rhythmus bei dir aus, also der Einsatzblock von 14 Tagen Dienst auf einem Schiff?
Einen typischen Arbeitsalltag gibt es eigentlich nicht. Jedes Projekt bringt andere Rahmenbedingungen mit sich. Das macht meinen Beruf so abwechslungsreich.
Zu Beginn einer Rotation prüfen wir unser Material und die medizinische Ausrüstung. Da wir auf See arbeiten und Nachschub nicht kurzfristig verfügbar ist, muss alles vollständig und jederzeit einsatzbereit sein.
Ein großer Teil unserer Arbeit besteht aus allgemeinmedizinischen Behandlungen und nicht aus Rettungseinsätzen. Oft kümmern wir uns um Beschwerden, wie sie auch in einer Hausarztpraxis vorkommen. Die täglichen Lagebesprechungen sind besonders wichtig. Dort werden anstehende Arbeiten besprochen, und ich sehe alle Techniker*innen, komme mit ihnen ins Gespräch und bekomme ein Gefühl dafür, wie es ihnen gesundheitlich geht.
Die freie Zeit nutze ich, um medizinische Abläufe zu trainieren. Auf den Windenergieanlagen mache ich mich mit den Gegebenheiten vertraut und führe SRHT-Übungen unter realen Bedingungen durch. Die Erfahrungen aus der Praxis, fließen direkt in die Ausbildung unserer Einsatzkräfte ein. Wenn wir im Ernstfall gebraucht werden, muss jeder Handgriff sitzen.
4. Medizin auf hoher See: Was macht deinen Job als Offshore-Notfallsanitäter besonders anspruchsvoll?
Das Besondere an der Offshore Rettung ist, dass ich in vielen Situationen zunächst allein für die medizinische Versorgung verantwortlich bin. Ärztliche Unterstützung bekomme ich bei Bedarf über die Telemedizin. Muss eine Person evakuiert werden, übernimmt später der Rettungshubschrauber. Je nach Entfernung oder auch Wetterlage kann das jedoch dauern. In dieser Zeit muss ich auch eine schwer erkrankte oder verletzte Person eigenständig stabilisieren und versorgen. Gerade dann geben mir meine Ausbildung und Erfahrung die Sicherheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Gute Vorbereitung ist für mich das Wichtigste. Wir trainieren regelmäßig medizinische Abläufe und arbeiten nach klaren Standards, damit wir in anspruchsvollen Situationen strukturiert handeln können. Darauf verlasse ich mich im Einsatz.
Entscheidend ist, ruhig zu bleiben und Schritt für Schritt das umzusetzen, was geübt wurde. Dann zeigt sich, wie wichtig eine gute Ausbildung und regelmäßiges Training wirklich sind.
5. Du bist nicht nur Notfallsanitäter, sondern auch Höhenretter. Was bedeutet das?
In meiner Doppelrolle bin ich zunächst immer Notfallsanitäter. Meine erste Aufgabe ist es, den oder die Patientin medizinisch zu versorgen. Ist eine Rettung aus der Höhe oder aus einem beengten Bereich erforderlich, werden über die Leitstelle SRHT-Einsatzkräfte alarmiert, die mit einem zusätzlichen Rettungshubschrauber zur Einsatzstelle gebracht werden.
Ab diesem Moment arbeiten Medizin und Höhenrettung Hand in Hand. Während die Patientin kontinuierlich medizinisch versorgt wird, plant das SRHT-Team den sichersten Rettungsweg. Die medizinische Versorgung gibt dabei den Takt vor. Je nach Verletzung oder Erkrankung entscheidet sie darüber, wie schnell, auf welchem Weg und mit welchen Zwischenstopps eine Patientin gerettet werden kann.
Ein gutes Beispiel ist ein Techniker, der sich in einer Windenergieanlage das Bein bricht und nicht mehr selbst absteigen kann. Zunächst versorgen wir die Verletzung und stabilisieren den Patienten. Anschließend plant das SRHT-Team die technische Rettung, während die medizinische Betreuung ohne Unterbrechung weiterläuft. Genau dieses Zusammenspiel macht den Einsatz so anspruchsvoll und zeigt, wie eng Medizin und Höhenrettung miteinander verbunden sind.
6. Gibt es einen Einsatz oder ein Übungsszenario, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ein Einsatzbericht eines Kollegen, ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Es ging um die Rettung eines Technikers auf einer Windenergieanlage. Er war auf den letzten Stufen einer Leiter gestürzt und hatte sich dabei die Schulter ausgekugelt. Die Verletzung war zwar nicht lebensbedrohlich. Dennoch konnte er die Leitern nicht mehr selbst überwinden.
Zunächst wurde der Patient medizinisch versorgt und seine Schmerzen behandelt. Anschließend wurde er gemeinsam mit dem SRHT-Team mithilfe eines Seilsystems über zwei Leitern gerettet. Gerade solche Szenarien machen deutlich, dass auch scheinbar einfache Verletzungen eine gut vorbereitete und strukturierte Rettung erfordern können.
7. Welche Ausbildung und welche Trainings braucht man für deinen Beruf – an Land und auf See?
Die Grundlage für meinen Beruf war die Ausbildung zum Notfallsanitäter und fünf Jahre Berufserfahrung. Als ich bei den Johannitern anfing, bin ich vom Rettungsassistenten auf den Notfallsanitäter umgestiegen und hatte mein Staatsexamen nachgeholt. Damit beginnt die Ausbildung allerdings erst.
Vor dem ersten Einsatz durchlaufen wir zusätzliche Trainings. Wir lernen, wie wir uns in Notfallsituationen auf und im Wasser verhalten oder den Notfallausstieg aus einem Hubschrauber nach einer Wasserlandung. Dazu kommen Trainings für das richtige Heben und Tragen, den Umgang mit Bränden und die medizinische Erstversorgung – von schweren Verletzungen bis hin zu akuten Erkrankungen. Wer auf einem Schiff arbeitet, wird darüber hinaus für die Rettung von Menschen aus Höhen und Tiefen ausgebildet. Damit endet der Lernprozess aber nicht. Um fachlich und körperlich einsatzbereit zu bleiben, trainieren wir regelmäßig medizinische Abläufe und Rettungsszenarien. Gleichzeitig sammeln wir weiterhin praktische Erfahrung im Rettungsdienst und absolvieren regelmäßige medizinische Gesundheitsuntersuchungen. Gerade diese kontinuierliche Fortbildung ist aus meiner Sicht entscheidend, denn nur so können wir auch unter anspruchsvollen Bedingungen sicher handeln.
7. Welchen Rat gibst du Menschen, die in die Offshore Rettung einsteigen möchten?
Wer Offshore-Notfallsanitäter werden möchte, sollte sie sich vor allem mit den besonderen Rahmenbedingungen dieses Berufs auseinandersetzen. Man ist oft zwei Wochen am Stück auf See und trägt in dieser Zeit viel Eigenverantwortung. Man muss Freude daran haben, auf Menschen zuzugehen und Teil des Bord-Alltags zu sein.
Wer diese Herausforderung mag, findet bei der Johanniter Offshore Rescue außergewöhnlich viele Entwicklungsmöglichkeiten. Ob in der Höhenrettung, in der Aus- und Weiterbildung, bei der Weiterentwicklung medizinischer Standards, im Bereich der Luftrettung per Helicopter oder in der Notfallleitstelle Offshore-Windparks. Wer Interesse zeigt und Verantwortung übernehmen möchte, bekommt bei uns die Chance.