Mein Job in der Offshore-Windenergie
FOLGE 3 – Gabriela Alexandra Sierra Lombera, Fraunhofer IWES
Name
Gabriela Alexandra Sierra Lombera
Unternehmen
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES
Jobtitel
Gruppenleiterin Geophysikalische
Standortcharakterisierung
Seit wann in der Branche
seit 2018
Standort
Bremen
Das Interview
1. Wer bist du – und was ist dein Job beim Fraunhofer IWES?
Hallo, ich bin Gabriela Sierra Lombera. Ich arbeite als Geophysikerin am Fraunhofer IWES. Ich leite das Team für geophysikalische Standortcharakterisierung. Normalerweise verbringe ich meinen Arbeitstag im Büro an unserem Standort in Bremen, und zwei bis sechs Wochen im Jahr bin ich an Bord eines Vermessungsschiffs tätig.
2. Wie hat es dich in die Offshore-Windbranche und in die Baugrunderkundung verschlagen?
Zunächst habe ich einen Abschluss in Geophysik gemacht, weil ich mich sehr für Geowissenschaften und natürliche Ressourcen interessierte. Anschließend habe ich Meeresgeowissenschaften studiert – so bin ich schließlich zur Meeresgeophysik gekommen. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass ich später mal im Bereich Windenergie arbeiten möchte, aber mir war klar, dass ich einen positiven Beitrag zum Umweltschutz leisten möchte. Was mich an meiner Arbeit am meisten begeistert, ist, viele der geologischen Prozesse der Erde verstehen zu können.
3. Wie sieht ein typischer Projektalltag bei dir aus – von der Idee bis zur Auswertung der Messdaten?
Ein typischer Arbeitstag verläuft für mich meist im Büro. Ich arbeite hauptsächlich im Projektmanagement und in der Verarbeitung geophysikalischer Messdaten aus der Baugrunderkundung, die Rückschlüsse auf die Beschaffenheit und Schichtung des Meeresbodens ermöglichen. Zunächst überprüfe ich den Stand der Datenverarbeitung und beginne dann mit der Datenverarbeitung selbst. Da wir dies im Team tun, stehe ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen in Kontakt und stelle sicher, dass wir die gewünschte Datenqualität fristgerecht erreichen. Was viele vielleicht überrascht, ist, dass die Arbeit mit akustischen Daten in der Geophysik erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit Bereichen wie Musik, Medizin und Spracherkennung aufweist: In all diesen Bereichen werden Schallwellen aufgezeichnet, gefiltert und analysiert, um aussagekräftige Informationen zu extrahieren, die in komplexen Signalen verborgen sind.
4. Wenn du eine Seismik-Kampagne offshore planst: Woran musst du alles denken?
Das Hauptziel einer geophysikalischen Standortcharakterisierung ist die Risikominderung. Das heißt die Verringerung des Risikos, auf geologische Gegebenheiten wie Findlinge zu stoßen, die den Bau der Windparks behindern oder gefährden könnten.
Wir verwenden ein geophysikalisches Verfahren namens „Mehrkanalseismik“. Dessen Hauptkomponenten sind eine Quelle, die Schallwellen erzeugt, und ein Empfänger, der diese Wellen aufzeichnet. Damit erstellen wir ein Bild des Untergrunds. Es handelt sich um ein komplexes System, das viele verschiedene Komponenten und Technologien umfasst.
Zur Planung der Ausfahrt legen wir zunächst eine Jahreszeit fest, in der wir die Vermessung auf See durchführen werden – in der Regel ist dies der Sommer. Anschließend stellen wir sicher, dass unsere gesamte Ausrüstung einsatzbereit ist und alle Wartungsarbeiten abgeschlossen sind. Parallel dazu sorgen wir dafür, dass uns ein für diesen Zweck geeignetes Schiff zur Verfügung steht, und nicht zuletzt erstellen wir einen Personalplan. Aufgrund von Wetteränderungen müssen wir stets flexibel bleiben. Es gab mehrere Situationen, in denen wir schon vom ursprünglichen Plan abweichen mussten. Wenn zum Beispiel Schiffe unterwegs sind oder andere Arbeiten in der Nähe des zu untersuchenden Gebiets stattfinden, müssen wir einen größeren Abstand halten, um sogenanntes „Rauschen“ in unseren Daten zu vermeiden.
5. Vom Messsignal zum Baugrundmodell: Wie machst du den Untergrund „sichtbar“ – und warum ist das so wichtig?
Wir erstellen 3D-Modelle, die wichtige Informationen über den Untergrund enthalten. Eine gute Analogie zu unserer Arbeit sind die Ultraschalluntersuchungen, die Frauen während der Schwangerschaft durchführen lassen: Der Arzt nutzt ein Gerät, um Wellen auszusenden, die von den verschiedenen Schichten ihres Körpers reflektiert werden und so ein 2D- oder 3D-Bild des Babys in ihrem Bauch erzeugen. Wir machen quasi das gleiche, nur in größerem Maßstab auf komplexere Weise.
Um eine solche Aufgabe zu bewältigen, muss man teamfähig sein, sich mit Geologie und Physik auskennen und kreativ denken können. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass wir aktiv zum Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland beitragen und auch zur Entwicklung der dafür notwendigen Netzinfrastruktur. Bislang haben wir mehr als zehn Standorte in der Nord- und Ostsee vermessen, an denen Windenergie erzeugt wird oder in Zukunft erzeugt werden soll.
6. Forschung für die Praxis: Woran arbeitest du aktuell wissenschaftlich – und wie hilft das der Offshore-Windenergie?
Aus wissenschaftlicher Sicht treiben wir unsere Forschung in viele verschiedene Richtungen voran. Dabei betrachten wir sowohl unsere Hardware als auch unsere Datenverarbeitungsabläufe sowie die von uns verwendeten Algorithmen. Derzeit gehören Risikominimierung, Datenzuverlässigkeit und Effizienz zu unseren Forschungsschwerpunkten, insbesondere bei der Standortcharakterisierung und der Mikrostandortauswahl mithilfe geophysikalischer Daten. Dies umfasst vor allem den Einsatz von Automatisierung, KI-Tools und Optimierungstools. Das Ziel besteht darin, präzisere Daten auf kosteneffiziente, schnellere und sicherere Weise zu gewinnen.
7. Wie wird man Wissenschaftlerin für Baugrunderkundung – und was rätst du Einsteigerinnen und Einsteigern?
Ich würde sagen, ein guter Einstieg ist ein Studium im Bereich der Geowissenschaften oder der Physik. In der Windenergiebranche gibt es viele mögliche Tätigkeitsfelder, angefangen bei der Windmodellierung und -messung bis hin zu Untergrunduntersuchungen. Ich empfehle allen, die sich für Geowissenschaften interessieren, an vielen Exkursionen teilzunehmen, an Bord von Forschungsschiffen zu gehen und mit Professorinnen oder Professoren zu sprechen. Auf diese Weise erhält man einen besseren Überblick über die verschiedenen Bereiche, in denen wir uns als Fachleute weiterentwickeln können. Einsteigerinnen und Einsteigern würde ich raten, ihrem Interesse nachzugehen – die Windenergie ist ein weites Feld voller interessanter Themen.